Dienstag

Das Ende der Unbeschwertheit oder wann bist Du erwachsen geworden?


Ich hab' neulich ein herrliches Buch gelesen. "Wir Kassettenkinder" von Anne Weiss und Stefan Bonner ist eine wunderbare Liebeserklärung an die Achtziger. Danke an die Autoren für ganz viel Lachen gepaart mit einem guten Schuss Melancholie plus der Inspiration für einen Blogpost. Beim Lesen von "Wir Kassettenkinder" ist mir eines so richtig bewusst geworden: das, was ich an den Achtzigern am meisten vermisse, ist das Lebensgefühl, das ich damals hatte. Egal welches emotionale Hoch oder Tief ich gerade erlebte in diesen Jahren, ich war vor allem eines: total unbeschwert. 

Ich hatte ein sicheres Zuhause und Eltern, die mich beschützt und lieb gehabt haben. Meine Dramen beschränkten sich auf den Verlust von heißgeliebten Plastikschmuckstücken oder ersten Freunden, die fremd knutschten. Diese Tragödien hielten in der Regel nur kurz an und waren beim nächsten Schwimmbadbesuch mit der Clique (was für ein herrlich altmodisches Wort) schon fast wieder vergessen.


Der langsame Verlust der Unbeschwertheit. 

Aber irgendwann hat er begonnen… dieser schleichende Übergang. Der langsame Verlust der Unbeschwertheit. Ich glaube, es fing an mit der ersten Arbeitsstelle. Während der Schulzeit war das Leben noch geregelt und lief mal was schief, wusste ich, Mama und Papa waren ja da. Ich war 'ne ganz gute Schülerin, insofern plätscherte mein ganzes Leben bis zum Abitur recht entspannt und herrlich unbeschwert vor sich hin. 

Tja, nur plötzlich war sie da… die erste richtige Arbeitstelle, noch vor meinem Studium und mit ihr die Verantwortung. Also die, Art von Verantwortung, die man nicht mehr auf die leichte Schulter nehmen konnte… die, bei der Mama und Papa nicht mehr einspringen konnten. Da habe ich das erste Mal richtig gespürt, dass das was ich tue direkten Einfluss auf meinen Lebensweg hat und sich Taten nicht immer schnell zurücknehmen lassen. Ein echt doofes Gefühl…

Zum Glück war immer noch genug Unbeschwertheit übrig. Schließlich hab' ich zu diesem Zeitpunkt noch zu Hause gewohnt. Meine Unbeschwertheits-Speicher wurden regelmäßig von Mama mit meinem Lieblingsessen und von Papa mit unzähligen Rückenkraulern aufgefüllt. 

Irgendwann zog ich dann aus. Nicht weit weg von zu Haus, im gleichen Ort, fand ich eine süße Wohnung und die Verantwortung für ganz viel Neues fand mich. Aber Mama und Papa waren noch da und ich wußte, wenn's mal richtig doof läuft, dann kann ich IMMER nach zu Hause zurück. Diese Gewissheit hat mich noch ganz viele Jahre weiter begleitet… die Dramen wurden ein bisschen dramatischer, die Trennungen komplizierter… die Chrissie ein bisschen erwachsener… die Unbeschwertheit ein Stückchen kleiner.

Was macht uns unwiderruflich erwachsen?

Es ist das Leben mit all seiner Verantwortung und seinem Ernst, dass meine Unbeschwertheit über die Jahre hinweg so mir nichts dir nichts geklaut hat. Ich habe zum Beispiel ein Haus gekauft, das ist toll, aber bedeutet? Genau! Verantwortung, ne Menge sogar.… viele von uns haben auch Kinder, noch mehr Verantwortung.


Den größten Batzen dieses guten Gefühls habe ich verloren, als mein lieber Papa gestorben ist. Sein Leiden und seine Pflege und über Monate hinweg, zu sehen, wie seine Lebensfreude und sein Mut immer weniger wurden… in dieser Zeit gab es gar keine Unbeschwertheit mehr in meinem Leben. Ich war komplett und unwiderruflich erwachsen. Das Verhältnis hat sich umgekehrt. Ich übernahm ein gutes Stück Verantwortung für meine Eltern – für meine Mama tue ich das heute, so gut ich es kann, immer noch.

"Erwachsen" kann manchmal auch unbeschwert - kurz aber gut.

Ein bisschen meiner Unbeschwertheit ist wiedergekommen. Ab und zu, in kurzen, kostbaren Momenten. Wenn ich mit meinem Schatz im Garten sitze, wenn ich mit meinem Mädels mal wieder am Wochenende losziehe und Tanzen gehe. Dann sind sie noch da, diese unbeschwerten Augenblicke … die sich anfühlen wie diese Zeit in den Achzigern… die mit den Kassetten, Wetten dass, Quench und dem Ferienprogramm… und wenn es mal genau nimmt, dann braucht es keine Liebeserklärung an die Achtziger, sondern an unsere Eltern, denn dieses tolle, unbeschwerte Gefühl haben sie uns Kassettenkindern geschenkt.

Wie ist das bei Euch so? Habt Ihr diese unbescherten Momente noch und genießt Ihr die dann auch so sehr?

GLG Chrissie
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